Selten war Europapolitik so in den Schlagzeilen, wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Alle Welt redete von der Euro-Krise, der Bankenkrise, der Schuldenkrise. Es ging um Rettungsschirme, ESM, Fiskalunion, Banklizenz und Demokratieverlust. Umso realitätsferner muss einem da die Tageszeitung taz erscheinen.
Von Jan Czada
Es geht mir mit diesem Beitrag nicht darum, ein politisches Statement abzugeben. Gerade zu Europa und angesichts der uns alle betreffenden europäischen Entwicklungen muss man versuchen, aus den überholten politischen Abgrenzungen herauszutreten, den Diskurs und Dialog für ein besseres Europa suchen. Und ja, auch bei den linksalternativen Zeitungen kann man von Zeit zu Zeit interessante Artikel entdecken: alleine schon weil sie oft so einen ganz anderen Blickwinkel haben, als die großen Zeitungen.
Aber was die taz abliefert, ist nicht nur eine sagenhafte Ignoranz, sondern grenzt angesichts der Themen in Europa, auch der damit verbundenen historischen Weichenstellungen und Gefahren, an eine Verdummung der eigenen Leser. Als ich mir in letzter Zeit auch mal wieder die taz anschaute, um das Meinungsspektrum etwas besser zu erfassen und aktuelle Entwicklungen, mit denen andere Tageszeitungen voll waren, aus linker Perspektive zu lesen, fand ich: fast nichts. Eine Tageszeitung immerhin, die trotz ihrer eher bescheidenen Auflage fest in der Medienlandschaft etabliert und in der Öffentlichkeit und in Fernseh-Talkshows präsent ist.
Als ich irgendwann reflexartig immer mehr die Augenbrauen hochzog, war klar, dass ich dazu mal einen Kommentar schreiben musste. Man ist ja schon bei anderen Zeitungen einiges gewohnt, doch das man dies noch um Längen überbieten kann, das beweist die taz. Würde man die Schlagzeilen in der Euro-Krise einmal direkt vergleichen und gegenüber stellen, wäre das Kabarett wohl endgültig perfekt: Bild-Zeitung, Münchner Merkur, taz.
Auf der Titelseite der Druckausgabe heißt es bei der taz am Folgetag ganz heißer Euro-Schlagzeilen nur “So weiblich wird der DAX” oder “Polizisten beim Ku-Klux-Klan”. Auf der Startseite im Internet fand ich Artikel zum Analphabetismus in Deutschland und einen Artikel zu einem Anschlag auf ein Haus durch Linksextremisten als Widerstand gegen Nazis, der bejubelt wird. Kein Wort zu Europa oder Euro-Krise.
Deshalb schaute ich mir den Europa-Teil etwas genauer an, in der Hoffnung hier vielleicht mal eine Perspektive oder zumindest eine Meldung zu finden. Erster Artikel: Nazi-Kriegsverbrecher leugnet alles - er sei kein Antisemit. Der einzige Beitrag zur Euro-Krise ist eine Kopie der Presseagentur dapd, allerdings mit der Lesart die CSU würde gegen den Euro und Eurogruppenchef Juncker wettern (nachdem eigentlich dieser Deutschland attackiert hatte).

Bild: Internetseite der taz am 01.08.2012 in der Rubrik Europa.
Aktuell findet man einen Aufmacher zum 20-jährigen Jubiläum des rechtsextremistischen Pogroms in Lichtenhagen, das immer noch nicht aufgearbeitet worden sei. Dazu ganz vorne ein Artikel über die 90-jährige Marie Marcks: sie sei ihre eigene Frauenbewegung. Ich weiß nicht mehr, ob es für mich als Mann vielleicht eine fehlende weibliche Anziehungskraft von Feministinnen aus dem Altersheim war, aber nach meiner dermaßen enttäuschten Suche, wenn man zuvor mit Euro- und Krisenartikeln schier überhäuft wurde, war mir der Geist für die taz nicht mehr willig. Das einzige was man noch zugute halten könnte, ist dass sie als europäische Topmeldung, im Gegensatz zu etlichen anderen Blättern, ganz offensichtlich an der finnischen Luftgitarren-WM weniger interessiert war.
Man fragt sich unweigerlich, welche Parallelwelt das eigentlich ist, die einem da aufscheint. In meinem Vokabular ist es zumindest konsequente Realitätsverweigerung. Deutschlands Medien sind in einem teils bedauerlichen Zustand. Schon die übermächtige Rolle weniger Presseagenturen ohne eigene Recherchen würde dabei aber einen eigenen Artikel verdienen.